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27. August 2026

Halbjahresbilanz 2026: Deutschlands Treibhausgasemissionen und die Folgen der Energiepreiskrise

Entwicklung deutscher Treibhausgasemissionen im ersten Halbjahr 2026, die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des Kriegs im Iran und die energiepolitischen Konsequenzen für Deutschland.

Halbjahresbilanz 2026: Treibhausgasemissionen und die Folgen der Energiepreiskrise für Deutschland

Kernergebnisse

Die Emissionsbilanz Deutschlands in den ersten sechs Monaten 2026 ist von einer anhaltend schwachen Konjunktur und der erneuten fossilen Energiepreiskrise infolge des Kriegs im Iran geprägt. Eine erste Schätzung auf Basis vorläufiger Daten zeigt jedoch trotz dieser emissionsdämpfenden Faktoren nur einen geringfügigen Rückgang der Emissionen von bis zu sieben Millionen Tonnen CO₂-Äq. Setzt sich der Emissionsrückgang im zweiten Halbjahr in diesem Tempo fort, wird Deutschland erstmals sein gesetzlich festgelegtes Klimaziel verfehlen. Der starke Anstieg der Absatzzahlen von E-Autos und Wärmepumpen schlägt sich zwar bereits positiv in der Emissionsbilanz nieder. Insgesamt schreitet die Elektrifizierung jedoch weiterhin nicht mit der Dynamik voran, die für das Erreichen der Klimaziele erforderlich ist. Vor allem in der Industrie hängen die Emissionen noch stark von der Produktionsaktivität ab, während der Umstieg auf klimaneutrale Technologien noch nicht für ausreichend strukturelle Emissionsminderungen sorgt. 

Außerdem verursachte Deutschlands Importabhängigkeit von Öl und Gas von März bis Ende Juni zusätzliche volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von 7,4 Milliarden Euro. Für Haushalte und Unternehmen schlägt sich die fossile Preiskrise kurzfristig vor allem in höheren Tankkosten nieder, langfristig sind auch steigende Heizkosten zu erwarten – und insgesamt in einer wieder angezogenen Inflation. 

Gleichzeitig werden die Folgen des Klimawandels in Deutschland immer drastischer spürbar: Das erste Halbjahr endet unter dem Eindruck von extremen Hitzetagen, die eine erheblich gestiegene Zahl hitzebedingter Todesfälle zur Folge hat und die deutsche Wirtschaft durch Produktionsverluste und Einschränkungen im Schiffsverkehr durch extremes Niedrigwasser belasten. 

Die Entwicklungen zeigen deutlich: Klimaschutzmaßnahmen sind Investitionen in eine resilientere Volkswirtschaft und für Haushalte und Unternehmen eine Absicherung gegenüber fossilen Preisschocks. Gleichzeitig senken sie die Emissionen und sind damit ein Beitrag für die Eindämmung des Klimawandels.

Wie entwickelten sich die Emissionen im ersten Halbjahr 2026?

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Text section 2

Deutschlands Treibhausgasemissionen sind im ersten Halbjahr 2026 nur leicht gesunken. Nach aktuellen Berechnungen auf Basis vorläufiger1 Daten hat die Bundesrepublik bis Ende Juni 327 Millionen Tonnen CO₂-Äq emittiert. Das sind rund 7 Millionen Tonnen CO₂-Äq beziehungsweise zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Rückgang ist größtenteils auf die gestiegenen fossilen Energiepreise infolge der Blockade der Straße von Hormus zurückzuführen, mit Preissteigerungen bei Rohöl und Erdgas um bis zu 90 und 113 Prozent. In der Folge kam es zu Verbrauchsrückgängen im Verkehr, einem starken Absatzeinbruch bei leichtem Heizöl sowie zu einer rückläufigen Produktionstätigkeit im Verarbeitenden Gewerbe. Gleichzeitig erzielten abermals gestiegene Absätze bei Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen spürbare Erfolge, die sich positiv in der Emissionsbilanz niederschlagen.

Allerdings muss die Elektrifizierungs-Dynamik noch deutlich zunehmen. Das zeigt auch das bisher zu geringe Tempo beim Emissionsrückgang: Während Deutschlands Emissionshöchstgrenze  laut Klimaschutzgesetz für 2026 auf 625 Millionen Tonnen CO₂-Äq festgelegt ist, deutet diese erste Hochrechnung darauf hin, dass die Emissionen ohne zusätzliche Dynamik lediglich auf 635 Millionen Tonnen CO₂-Äq sinken würden – was insgesamt einen Rückgang von 13 Millionen Tonnen CO₂-Äq gegenüber dem Jahr 2025 bedeuten würde. Damit steht Deutschland im Jahr 2026 erstmals vor einer Verfehlung der gesetzlichen Jahreszielvorgabe für den Ausstoß von Emissionen über alle Sektoren hinweg.3 Die Ampel-Koalition hatte die sogenannten Sektorziele aufgegeben und nur noch sektorübergreifende Ziele festgelegt. In der Vergangenheit haben vor allem die Bereiche Gebäude und Verkehr ihre Ziele wiederholt verfehlt. 

Auch der Blick auf die mittelfristigen Vorgaben des Klimaschutzgesetzes unterstreicht den akuten Handlungsbedarf, auf den der Expertenrat für Klimafragen die Bundesregierung schon im Jahresverlauf hingewiesen hatte: Um das gesetzliche Ziel von höchstens 457 Millionen Tonnen CO₂-Äq im Jahr 2030 zu erreichen, wäre ab 2026 eine durchschnittliche Emissionsminderung von rund 41 Millionen Tonnen CO₂-Äq pro Jahr erforderlich – eine Beschleunigung, die nur mit zusätzlichen Klimaschutzmaßnahmen erreichbar sein wird


1 Nach einer ersten, vorläufigen Einschätzung könnte der tatsächliche Emissionsrückgang geringer ausfallen als auf Basis der verfügbaren Daten ausgewiesen; Details zu statistischen Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Verbrauch/Absatz von leichtem Heizöl sind im Emissionskapitel Gebäude aufgeführt. 

2 Angepasst nach KSG § 4 (2): Zielunter- und Zielüberschreitungen werden arithmetisch in die kumulierten Gesamtbudgets (aktuell inkl. 2030) eingerechnet.

3 In der Vergangenheit wurden Zielverfehlungen einzelner Sektoren durch eine Zielübererfüllung in anderen Bereichen ausgeglichen, sodass die kumulierte Jahreshöchstmenge eingehalten wurde. 

Geringer Emissionsrückgang nach gestiegener Stromerzeugung, Rekordanteil von 58 Prozent Erneuerbaren am Stromverbrauch

Im ersten Halbjahr 2026 legte die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 7 Terawattstunden (TWh) zu. Den größten Beitrag zu diesem Anstieg leistete die Windenergie, die sich nach einem besonders windschwachen Vorjahr spürbar erholte: Die Erzeugung aus Windanlagen an Land stieg um 3,7 TWh, während die Windenergie auf See im ersten Halbjahr ein Plus von 3,2 TWh verzeichnete. Auch die Solarstromerzeugung legte mit 0,8 TWh leicht zu (BDEW 2026).

In Summe ist die Stromerzeugung in Deutschland von Januar bis einschließlich Juni um rund 9 TWh gestiegen. Die höhere inländische Stromerzeugung spiegelt sich auch in einer deutlich veränderten Stromhandelsbilanz wider: Gegenüber dem Vorjahreszeitraum exportierte Deutschland rund 4 TWh mehr Strom, während die Importe um rund 4 TWh zurückgingen, bei einer geringfügig gestiegenen inländischen Stromnachfrage.

Die Stromerzeugung aus Braunkohle setzte ihren langfristigen Abwärtstrend im ersten Halbjahr fort und nahm um 1,7 TWh ab. Unter anderem bedingt dadurch, dass Braunkohlekraftwerke hohe Mindestlastanforderungen haben und mit erheblichen Anfahr- und Volatilitätskosten verbunden sind. Sie sind daher ökonomisch ungeeignet, um flexibel und kosteneffizient auf die steilen Einspeisespitzen („Solarrampen“) der Photovoltaik zu reagieren. Um das Angebot in den Morgen- und Abendstunden auszugleichen, fahren stattdessen steuerbare und flexiblere fossile Kraftwerke hoch: Die Erzeugung aus Erdgas stieg um 2,3 TWh und aus Steinkohle um 0,5 TWh.

Ein weiterer Faktor sorgte für zusätzliche Emissionen im Stromsektor: Die Produktion in der Eisen- und Stahlindustrie zog an und führte zu einer höheren Auslastung der Kokereien. Deren Emissionen werden entsprechend dem Klimaschutzgesetz in der Energiewirtschaft bilanziert.

Laut dieser ersten Bilanz auf Basis von vorläufigen Daten sanken die Treibhausgasemissionen der Energiewirtschaft in den ersten sechs Monaten des Jahres nur geringfügig um rund 0,3 Millionen Tonnen CO₂-Äq.

Konjunktur bestimmt weiterhin die Emissionsbilanz der Industrie

Die Folgen von globalen Handelskonflikten, fossilen Preisschocks und Überkapazitäten auf dem Weltmarkt schlagen sich weiterhin in der Emissionsbilanz der deutschen Industrie nieder. Die Produktion4 im Verarbeitenden Gewerbe ging insgesamt um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. In den energieintensiven Industriezweigen5, die für knapp 80 Prozent des gesamten Energieverbrauchs der Industrie verantwortlich sind, fiel der Produktionsrückgang mit 1,5 Prozent allerdings geringer aus.

Allein die Eisen- und Stahlindustrie verzeichnete eine starke Erholung gegenüber dem Vorjahr. Ursache für diesen Rebound-Effekt waren insbesondere das Wiederaufstocken verknappter Lagerbestände sowie vereinzelte Vorzieheffekte bei den Aufträgen (VW Stahl 2026). Die Produktionssteigerung von 9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum führte zu einem spürbaren Emissionsanstieg, der die Rückgänge in anderen Bereichen überkompensierte. Weiterhin rückläufig war die Produktion in der chemischen Grundstoffindustrie6 und in der Zementproduktion7 um -4,3 Prozent beziehungsweise -0,4 Prozent. In Summe dürfte es im ersten Halbjahr 2026 zu einem leichten Anstieg der Industrieemissionen um rund 0,6 Millionen Tonnen CO₂-Äq gekommen sein.

Damit bleibt die Emissionsentwicklung im Industriesektor stark gekoppelt an konjunkturelle Schwankungen und die Nachfrage auf den Weltmärkten. Elektrifizierungsfortschritte, eine grüne Grundstoffproduktion oder Effizienzsteigerungen gehen weiterhin zu langsam voran. Dabei reduzieren klimafreundliche Technologien nicht nur Emissionen, sondern schaffen auch zukunftsfähige Geschäftsmodelle und Resilienz gegenüber fossilen Preisschocks.


4 Bergbau, Gewinnung von Steinen und Erden und Verarbeitendes Gewerbe (WZ08-B-04): Originalwerte über das Jahr gemittelt bis einschließlich Mai.

5 Energieintensive Industriezweige (WZ08-B-10): Originalwerte, über das Jahr gemittelt bis einschließlich Mai.

6 Herstellung von chemischen Grundstoffen u.a. (WZ08-201): Originalwerte, über das Jahr gemittelt bis einschließlich Mai.

7 Herstellung von Zement (WZ08-2351): Originalwerte, über das Jahr gemittelt bis einschließlich Mai. 

Mehr Wärmepumpen und effizientere Gebäude gleichen höheren Heizbedarf aus

Nach vorläufigen Berechnungen sind die Treibhausgasemissionen im Gebäudesektor im ersten Halbjahr 2026 um bis zu 3 Millionen Tonnen CO₂-Äq gesunken, trotz des kalten Winters. Die Gradtagszahl8 lag um 4 Prozent höher – entsprechend stieg der Heizbedarf. Die Emissionsschätzung ist jedoch mit erheblichen Unsicherheiten verbunden: Der Rückgang beruht wesentlich auf dem außergewöhnlich hohen Einbruch beim Absatz von leichtem Heizöl um 34 Prozent. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass es sich dabei um statistische Unschärfen in den verfügbaren Daten handelt – und die Emissionen tatsächlich höher lagen. 

Denn der drastische Rückgang des Heizölabsatzes um 34 Prozent ist nicht unmittelbar mit einer entsprechenden Minderung des tatsächlichen Verbrauchs und der Emissionen gleichzusetzen. Im Gebäudesektor werden Heizölabsätze ausgewiesen, während Abweichungen zum tatsächlichen Verbrauch durch Ein- und Auslagerungen nur modellgestützt abgeschätzt werden. Das hierfür verwendete Lagermodell ist nach Einschätzung von der AG Energiebilanzen und dem Expertenrat für Klimafragen insbesondere bei außergewöhnlichen Preis- und Verhaltensänderungen mit erheblichen Unsicherheiten behaftet (ERK 2026). (Dies zeigte sich etwa 2022, als Haushalte trotz stark steigender Heizölpreise aus Sorge vor Knappheit und weiteren Preissteigerungen zusätzliche Vorräte anlegten.) Im ersten Halbjahr 2026 sprechen zudem die kältere Witterung und der erst im März, gegen Ende der Heizperiode, einsetzende Preisanstieg dafür, dass der Absatzrückgang deutlich höher ist als der tatsächliche Verbrauchsrückgang: Haushalte könnten Tankfüllungen gegen Ende der Heizsaison aufgeschoben haben. Der Verbrauch wäre dann weniger stark gesunken und die Emissionsminderung entsprechend überschätzt.

Mit Blick auf Erdgas sind zwei Entwicklungen auffällig: Trotz des kälteren Jahresbeginns blieb der Erdgasverbrauch in Gebäuden nahezu konstant, witterungsbereinigt entspricht dies sogar einem leichten Rückgang. Das deutet auf erste spürbare Effekte des Wärmepumpen-Hochlaufs sowie Effizienzgewinne im Gebäudebestand hin: Mit zunehmend erneuerbarer Wärme entkoppelt sich die Emissionsentwicklung schrittweise von der Witterung. Zudem haben langfristige Lieferverträge die drastischen Preisanstiege bei Erdgas in Folge der Krise im Nahen Osten abgedämpft. 

Trotz dieser statistischen Unsicherheiten schafft die fortschreitende Wärmewende strukturelle Erfolge: Zu Jahresbeginn waren im Bestand rund 1,9 Millionen Wärmepumpen installiert. Diese haben im ersten Halbjahr 2026 nach einer Hochrechnung rund 1,99 Millionen Tonnen CO₂-Äq vermieden, verglichen mit einem Szenario, in dem der Wärmebedarf weiterhin von Öl- oder Gasheizungen gedeckt worden wäre. Insgesamt erzeugten Erneuerbare Energien rund 121 TWh Wärme, etwa 3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Wärmepumpen haben mit 195.000 verkauften Geräten den nächsten Absatzrekord geschrieben und sind damit zum zweiten Mal in Folge die meistverkaufte Heiztechnologie. Die Absatzzahlen von Erdgasheizungen blieb konstant.


8 Die Gradtagszahl ist ein Maß zur Berechnung des Heizbedarfs, bei dem für Außentemperaturen unter 15 °C die Differenz zur Innentemperatur von 20 °C mit der Anzahl der Tage multipliziert wird.

9 Netto abzüglich Emission aus Strombezug, welche in der Energiewirtschaft bilanziert werden.

Rückgang der Verkehrsemissionen: Konjunktur, Energiepreise und E-Mobilität sind treibende Faktoren

Die Emissionen im Verkehrssektor verzeichneten im ersten Halbjahr 2026 konjunktur- und preisbedingt einen Rückgang von 4 Millionen Tonnen CO₂-Äq. Der Rückgang geht vor allem auf den rückläufigen Absatz von Dieselkraftstoff zurück (-6 Prozent). Der Absatz von Ottokraftstoff blieb nahezu konstant (-1 Prozent) (en2x 2026).

Infolge der schwachen Konjunktur nahm der Schwerlastverkehr auf Bundesstraßen spürbar um 8 Prozent ab, auf Bundesautobahnen um 2 Prozent. Der Wirtschaftsverkehr fährt fast vollständig mit Diesel, die geringere Verkehrsaktivität schlägt sich daher unmittelbar auf den Dieselabsatz nieder. Gleichzeitig gibt es im Bestand von Verbrenner-Pkw weiterhin eine Verschiebung weg vom Diesel und hin zu Benzinern. Der Pkw-Verkehr nahm mit einem Rückgang von 1 Prozent auf Bundesstraßen und 2 Prozent auf Autobahnen nur wenig ab (bast 2026), obwohl die Kraftstoffpreise infolge der Krise im Nahen Osten stark angezogen haben: Trotz Tankrabatt verteuerte sich Superbenzin im Vorjahresvergleich um 11 Prozent und Diesel um 19 Prozent auf jeweils durchschnittlich 195 ct/l (statista 2026).  

Dabei entkoppelt der Hochlauf der Elektromobilität die Fahrleistung langsam vom Kraftstoffverbrauch. Die zum Jahresbeginn im Bestand gemeldeten 2 Millionen Elektrofahrzeuge (kba 2026) haben im ersten Halbjahr gemäß eigener Hochrechnung rund 1,410 Millionen Tonnen CO₂-Äq eingespart – verglichen mit einem Szenario, in dem diese Fahrleistung weiterhin fossil erbracht worden wäre. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 368.000 reine Elektrofahrzeuge zugelassen, was einem Anstieg von 48 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Einen kleinen CO₂-Minderungsbeitrag lieferte zudem der Anstieg beim Biodieselabsatz (+20 Prozent).


10 Netto, abzüglich der Emissionen aus dem Strombezug, welche in der Energiewirtschaft bilanziert werden.

Der Krieg im Iran und die energiepolitischen Konsequenzen für Deutschland

Massive Preissteigerungen der Öl- und Gaspreise, steigende Inflationsraten, nach unten korrigierte Wirtschaftsprognosen und eine anhaltende Debatte um Gasfüllstände in Deutschland: Der Angriff der USA und Israels auf den Iran hat erneut eine globale Energiekrise entfacht, mit spürbaren Folgen auch in Deutschland und der EU. Die Blockade der Straße von Hormus und Angriffe auf die fossile Energieinfrastruktur in der Region haben das globale Angebot an Rohöl und Flüssiggas massiv eingeschränkt. Die Meerenge ist das wichtigste Nadelöhr für den globalen Energiehandel: Etwa ein Viertel des weltweiten Ölhandels auf dem Seeweg und ein Fünftel des LNG-Handels passierten die Meerenge im Jahr 2025 (IEA 2026). 

Die Preisspitze bei Rohöl lag im April bei 118 US-Dollar pro Barrel – eine Preissteigerung von knapp 90 Prozent im Vergleich zum Jahresbeginn. Die Großhandelspreise für Erdgas stiegen im März zeitweise auf mehr als das Doppelte gegenüber dem Jahresbeginn – ein Anstieg um 113 Prozent auf 61 Euro pro MWh. Insgesamt herrscht auf den Energiemärkten nach wie vor sichtlich Unsicherheit über den weiteren Konfliktverlauf. So stiegen die Rohölpreise nach einer kurzen Erholung Ende Juni in Erwartung einer Einigung zwischen den Konfliktparteien im Juli erneut deutlich an. Die gestiegenen Gaspreise beeinflussten auch die Großhandelspreise für Strom, da Gaskraftwerke im Stromhandel weiterhin regelmäßig den preisbestimmenden Faktor darstellen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stiegen die Day-Ahead-Großhandelsstrompreise um 27 Prozent (Agorameter 2026). Dass die Preisausschläge deutlich geringer als beim Erdgas ausfielen, ist auf den hohen Anteil an Erneuerbaren Energien im Stromsektor zurückzuführen.

Erneut zeigen sich die teuren Folgen der Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Importen 

Die Mehrausgaben für deutsche Rohöl- und Erdgasimporte zwischen Kriegsbeginn Ende Februar und Ende Juni 2026 liegen bei insgesamt rund 7,4 Milliarden Euro (verglichen mit den erwarteten Preisentwicklungen kurz vor Kriegsbeginn). Und das, obwohl die Importe von Rohöl im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum nur um zwei Prozent gestiegen sind und die Erdgasimporte sogar merklich um 11 Prozent zurückgegangen sind (Destatis 2026).

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Einkommensschwache Haushalte trifft die fossile Preiskrise besonders heftig

Während sich die Preiskrise an den Tankstellen und beim leichten Heizöl schnell bemerkbar machte, sind die Erdgaspreise für Endkunden weniger stark gestiegen. Der Grund: Die Preise für Benzin, Diesel und Heizöl orientieren sich eng an tagesaktuellen Rohölpreisen, weshalb die Preisanstiege fast unmittelbar an den Zapfsäulen und beim privaten Heizölkauf durchschlagen. Erdgas hingegen wird von Energieversorgern meist weit im Voraus über langfristige Verträge und Beschaffungsstrategien eingekauft, sodass Preisausschläge an den Börsen erst mit einiger Verzögerung bei den Endverbraucherinnen und -verbrauchern ankommen. Das spiegelt sich auch in den Gasspeicherständen wider: Mitte August lagen die Füllstände bei rund 50 Prozent und damit deutlich unter dem Niveau der Vorjahre (BNetzA 2026). Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass der Einkauf für Gashändler angesichts der aktuell hohen Marktpreise wenig attraktiv ist. Infolgedessen dürfte sich der Kostendruck in den kommenden Monaten zunehmend auch auf die Endkundinnen und -kunden auswirken, wenn teureres Gas beschafft werden muss. 

Die Haushaltsstrompreise gingen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber 2025 hingegen weiter zurück; maßgeblich hierfür war der Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten. Anpassungen aufgrund gestiegener Börsenstrompreise machen sich auch beim Haushaltsstrompreis wegen längerfristiger Beschaffungsstrategien in der Regel erst zeitversetzt bemerkbar.

Besonders heftig trifft die erneute fossile Preiskrise einkommensschwache Haushalte. Diese bezahlen einen weit höheren Anteil für Grundbedürfnisse wie Essen, Heizen und Mobilität und können plötzlichen Preiserhöhungen kaum ausweichen. Eine Studie des Ifo-Instituts zeigt: 2026 verlieren die einkommensschwächsten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland durch den Preisschock infolge des Kriegs im Iran im Schnitt viermal so viel ihres verfügbaren Einkommens wie die oberen zehn Prozent (Ifo 2026).

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Selbst wenn sich die Konfliktparteien bald einigen: Die Auswirkungen der fossilen Energiekrise belasten die deutsche Wirtschaft nachhaltig

Auch die indirekten Effekte der fossilen Preisschocks belasten die deutsche Wirtschaft: Höhere Energiekosten verteuern die gesamte Lieferkette von Vorleistungen über Produktion bis zur Logistik und treiben so die Inflation an. Bei Lebensmitteln schlagen sich diese Preissteigerungen vor allem durch höhere Transport-, Lager- und Düngemittelkosten nieder. Gleichzeitig verteuern sich energieintensive Herstellungsprozesse und damit zahlreiche Industriegüter, während sich im Dienstleistungsbereich insbesondere der Transport- und Reisesektor spürbar verteuern. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute korrigierten im Juni ihre Prognosen für die 2026 erwartete Inflationsrate im Schnitt um 0,8 Prozent nach oben – auf knapp unter 3 Prozent. Auch für 2027 erwarten die Ökonomen nur einen leichten Rückgang der Inflation, was jedoch eine zügige Beilegung des Konflikts voraussetzt. 

Die Wachstumseffekte des Winterhalbjahres 2025/26 wurden durch die Auswirkungen des Kriegs weitgehend neutralisiert. Was sich auch in den nach unten revidierten Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute zeigt. Ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Sommerhalbjahr konnte nur durch die expansive Fiskalpolitik verhindert werden. Anhaltend hohe fossile Energiepreise im Zusammenhang mit der Krise im Nahen Osten könnte den BIP-Anstieg weiter dämpfen und die Inflation noch stärker ansteigen lassen.

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Maßnahmen zur Krisenbewältigung entscheiden über Deutschlands Resilienz, Wohlstand und Klimaschutz

Die zweite fossile Energiepreiskrise binnen weniger Jahre macht deutlich, dass geopolitische Schocks dieser Art strukturell Risiken eines Energiesystems sind, das von fossilen Energieimporten abhängt. Daher sind Maßnahmen zur Krisenbewältigung so entscheidend dafür, ob Deutschland sich aus dieser strukturellen Abhängigkeit befreien kann.

Weltweite Reaktionen auf die Krise

Ein Blick auf die Krisenreaktionen anderer Länder offenbart ein tiefes sozioökonomisches Gefälle in der Krisenbewältigung: Während vor allem asiatische Länder mit hoher Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten aus dem Nahen Osten drastische Sofortmaßnahmen zur Verbrauchsreduktion ergriffen, dämpften europäische Staaten die fossilen Energiepreise  durch staatliche Zuschüsse ab – etwa durch Steuersenkungen und Tankgutscheine. Die Appelle der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank, Entlastungen temporär und gezielt auf schutzbedürftige Haushalte zu beschränken sowie Preissignale zum Energiesparen aufrechtzuerhalten, verhallten in vielen Ländern (IEA 2026).

Deutschlands wichtigster Krisenantwort fehlt der transformative Charakter 

Wie bereits 2022 führte Deutschland als Krisenantwort wieder einen Tankrabatt ein. Hiervon profitierten vor allem einkommensstarke Haushalte mit schwereren Fahrzeugen und hohem Verbrauch. Gleichzeitig schwächte der staatlich verbilligte Kraftstoff Lenkungseffekte in Richtung Öffentlichen Nahverkehr oder E-Mobilität. Zudem landen solche Entlastungen durch Mitnahmeeffekte bei den Konzernen nicht vollständig bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern. Ohne eine zielgerichtete Entlastung, einkommensabhängige Auszahlungsmechanismen oder eine Senkung der Stromsteuer fehlte damit in Deutschland eine soziale und transformative Antwort auf die Krise. 

Andere Länder verbinden Krisenmaßnahmen und strategische Dekarbonisierung

Wie Krisenresilienz und strategische Dekarbonisierung ineinandergreifen können, zeigt ein Blick ins Ausland:

  • Spanien hat in den vergangenen Jahren den Ausbau von Wind- und Solarenergie vorangetrieben und diesen Kurs nach dem Stromausfall auf der iberischen Halbinsel im April 2025 nochmals verstärkt. Dadurch gelang es dem Land, den Anteil fossiler Energieträger an der Stromerzeugung drastisch zu reduzieren – Erneuerbare Energien decken etwa 60 Prozent des Strombedarfs (BDEW 2026). Damit setzt teures Erdgas in Spanien immer seltener den Strompreis: Die Stunden, in denen der Gaspreis dominiert, sind von 52 Prozent im Jahr 2021 auf 9 Prozent in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 gesunken. In der Folge lagen die Großhandelspreise für Strom im Vergleich zum EU-Durchschnitt deutlich niedriger (Ember 2026).
  • Frankreich hat in Reaktion auf den Krieg im Iran angekündigt, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu senken. Mit dem Plan de l’électrification des usages will das Land die Elektrifizierung deutlich beschleunigen und zusätzliche Finanzmittel für Klimaschutzinvestitionen bereitstellen. Die Regierung erklärt Elektrifizierung inzwischen zu einer Frage des nationalen Interesses, das über Klimaschutz hinausgeht (Gouvernement 2026).
  • China treibt die Energiewende massiv voran, wohinter ein strategisches Interesse steckt: Allein 251 Gigawatt (GW) Windkraft befinden sich dort aktuell im Bau, mehr als doppelt so viel, wie weltweit derzeit gebaut wird (GEM 2026). Vor dem Hintergrund des Krieges im Iran hat sich die chinesische Regierung zum Ziel gesetzt, die Importabhängigkeit zu reduzieren. Mit dem Start des 15. Fünfjahresplans (2026-2030) beginnt das Land die nächste Phase der Energiewende: Der Fokus verschiebt sich vom Kapazitätsausbau hin zur umfassenden Systemtransformation und Elektrifizierung. Um die Nachfragesektoren zu dekarbonisieren, beispielsweise die Industrie, will China die Produktion von grünem Wasserstoff bis 2030 verachtfachen (GEM 2026) und den Anteil des Stroms am Endenergieverbrauch von 30 auf 35 Prozent steigern (CAT 2026). Der weltweit größte Energieverbraucher macht die Energiewende damit endgültig zum zentralen Pfeiler für geopolitische und wirtschaftliche Resilienz.
     

Resilienz und Klimaschutz gehen Hand in Hand 

In der Energiewirtschaft hängen Resilienzfortschritte klar von dem weiteren Erfolg der Energiewende ab: Durch den Ausbau von Solar- und Windenergie konnte die Rolle von fossilem Gas als preisbestimmender Faktor am deutschen Strommarkt von 35 Prozent 2019 auf 30 Prozent im ersten Halbjahr 2025 reduziert werden (Ember 2026).

Bei der Elektrifizierung der Nachfragesektoren, also beim Heizen, in der Mobilität und in der industriellen Produktion, bestehen noch große Hürden, die die Abhängigkeit von fossilen Energien verlängern: Zwar zeigen Umfrageergebnisse bei deutschen Unternehmen (Agora Energiewende 2026) und die jüngsten Absatzrekorde bei Wärmepumpen und E-Autos, dass die wirtschaftlichen Vorteile der Elektrifizierung immer mehr ins Bewusstsein rücken. Allerdings fehlt in der Bundesregierung nach wie vor ein konsequentes Umdenken, das auf dieser Dynamik aufsetzt und sie ambitioniert vorantreibt: Eine Resilienzstrategie für Deutschland sollte Haushalten, Unternehmen und Kommunen Planungssicherheit für klimafreundliche Investitionen bieten, die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen ausreichend absichern und Preissignale in Richtung Transformation ausrichten. 

Die wichtigsten Maßnahmen für strukturelle Reformen in den vier Kernsektoren schaffen die notwendigen Investitionsanreize und bringen damit Deutschlands Unabhängigkeit von fossilen Energien voran. 

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Bibliographische Daten

Autor:innen
Niels Wauer und Moritz Zackariat
Versionsnummer
1.0
Veröffentlichungsdatum

27. August 2026

Projekt
Diese Publikation wurde erstellt im Rahmen des Projektes Monatsauswertung Strommarkt Deutschland.

Unsere Expert:innen