Raus aus der Eigenverbrauchsklemme

Warum Solarstromanlagen so groß sein sollten, wie das Dach unter ihnen und wie wir das schaffen

Zufälligerweise wohnen beide von uns in Mehrfamilienhäusern, die sich im Besitz einer Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) befinden. Seit Jahren würden wir gerne Photovoltaikanlagen auf die Dächer unserer Häuser montieren. Doch deren Wirtschaftlichkeit hängt immer mehr davon ab, dass wir den von ihnen produzierten Strom selbst nutzen, anstatt Strom aus dem Netz zu beziehen. Anders ausgedrückt: Nur wenn wir ihren Strom selbst nutzen, rechnen sich neue Solaranlagen noch. Und hier fängt für uns das Problem an: In unseren Wohnungseigentümergemeinschaften gehört allen das Dach gemeinsam, so dass wir gesetzlich gezwungen sind, den Strom alle zusammen für gemeinsame Anwendungen zu nutzen – etwa den Betrieb des Fahrstuhls. Die technische und rechtliche Alternative wäre eine eigene kleine Photovoltaikanlage für jede einzelne Wohnung – jeweils inklusive eigenem Wechselrichter, eigenem Zähler und eigenem Kabelabgang vom Dach. Das ist wirtschaftlich aber nicht umsetzbar, weil viel zu kleinteilig und daher zu teuer.  

Die Alternative zum Eigenverbrauch wäre die Einspeisung des Solarstroms ins Stromnetz. Doch wie erwähnt: Eine solche Volleinspeisung ist inzwischen kaum noch oder gar nicht mehr wirtschaftlich, da sich die Förderung nur nach der Größe der Anlage richtet, aber nicht nach der Art ihrer Nutzung. Ob sich die Anschaffung einer PV-Dachanlage rechnet, ergibt sich damit nur aus der Differenz der vermiedenen Kosten für den Strom vom Stromvertrieb auf der einen Seite und den Kosten der Solarstromerzeugung auf der anderen Seite. Die Vergütung für die Resteinspeisung stellt hingegen nur noch eine Rückversicherung dar, aber keinen Investitionsanreiz wie früher.

Die Fokussierung auf den Eigenverbrauch hat zur Folge, dass sich die Größe neuer Anlagen nicht mehr an der verfügbaren Dachfläche bemisst. Stattdessen bestimmt der Verbrauch unter dem Dach die Anlagendimensionierung. Solarstromanlagen auf privaten Dächern werden daher nicht so groß gebaut, wie es möglich wäre. Dächer werden damit weniger effizient genutzt, als es möglich und auch nötig wäre. Das halten wir für ein Problem, dazu später mehr.

Die Überlegung ist keineswegs theoretischer Natur, sondern lässt sich inzwischen gut mit den Daten des Anlagenregisters der Bundesnetzagentur belegen: Zwischen 2006 und 2010 stiegen die mittleren Leistungen von Solarstromanlagen mit einer Nennleistung von bis zu 20 Kilowatt noch an, weil die die Einspeisung besser vergütet wurde als es der Eigenverbrauch war. Nachdem 2010 die so genannte Netzparität erreicht worden war, wurde der Eigenverbrauch attraktiver als die Einspeisung. In den Jahren danach verringerten sich die mittleren Leistungen der Anlagen dann – und das, obwohl im gleichen Zeitraum die Modulwirkungsgrade deutlich anstiegen, wodurch bei einem gegebenen Dach eigentlich mehr Leistung hätte installiert werden können.

Erst seit 2017 ist wieder ein Anstieg der mittleren Leistungen zu verzeichnen. Wir nehmen an, dass hier mehrere Effekte zusammenkommen. So werden neue Dachanlagen inzwischen häufig mit Stromspeichern ausgerüstet, wodurch sich der Eigenverbrauch deutlich steigern lässt.

Auch wenn die Vergütung des eingespeisten Überschussstroms weniger Relevanz für Investoren hat, erhalten sie noch stets eine für 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung – und das, obwohl der Systemwert der eingespeisten Restmengen geringer ist als der bei Volleinspeisung.

Einerseits gibt es also den Eigenversorgungs-Anreiz, Dachflächen nicht voll zu belegen. Andererseits ist der Photovoltaik-Zubau in Deutschland insgesamt nicht auf Zielkurs. Um das Ziel der großen Koalition von 65 Prozent Erneuerbaren Energien bis 2030 zu erreichen, müssten von 2022 an Solarstromanlagen mit einer Leistung von fünf Gigawatt jährlich installiert werden – 2018 waren es jedoch mit 2,5 Gigawatt nur die Hälfte. Zudem ist es für eine Welt mit 80 bis 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien nötig, dass jedes geeignete Dach in Deutschland voll für die Solarstromerzeugung ausgenutzt wird. Denn für eine (weitgehende)Vollversorgung Deutschlands mit Erneuerbaren Energien werden nach den verschiedenen Langfristszenarien etwa 150 bis 200 Gigawatt Solar benötigt, und da Solaranlagen auf landwirtschaftlichen Flächen nur sehr begrenzt zum Einsatz kommen sollten, ist eine Nutzung der Dachflächen zentral.

Mit ähnlichen Effekten wie die Förderung des Eigenverbrauchs ist die noch relativ junge Förderung des Mieterstroms verbunden. Auch er adressiert nicht unbedingt eine effiziente und ganzheitliche Umsetzung der Energiewende. Dass die Verbreitung des Mieterstrommodell bislang deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt, hat zweifellos mit der Komplexität von Mieterstromansätzen und den daraus folgenden – teilweise vermeidbaren – Transaktionskosten zu tun. Entsprechend berechtigt ist die Diskussion darüber, wie strukturelle Einstiegshürden abgebaut werden können. Dies wäre auch eine Möglichkeit die Motivation von Bürgerinnen und Bürgern zu fördern, die einen Beitrag zur Energiewende leisten wollen, wie wir in unserer Studie über Dezentralität dargelegt haben.

Um möglichst viel Solarstrom zu möglichst geringen Kosten zu bekommen, ist es notwendig, die Förderung wieder auf einfache und kostengünstige Ansätze ausz richten. Gerade für gemeinsam genutztes Eigentum, also vermietete Gebäude oder Gemeinschaftsbesitz, ist die Komplexität aktuell unverhältnismäßig – mit der Folge, dass auf solchen weniger Solaranlagen errichtet werden, als technisch und baulich möglich. Dabei ist das Potenzial groß: Nach Angaben der NRW Bank sind in Deutschland 1,8 Millionen Gebäude (mit fast 9 Millionen Wohnungen) im Besitz von Wohnungseigentumsgemeinschaften. Hier geschieht aus den dargelegten Gründen bisher aber nur sehr wenig.

Was also kann die Politik tun, um den Bau von Solaranlagen – nicht nur, aber auch auf gemeinschaftlich genutzten Gebäuden – wieder attraktiver zu machen? Geprüft werden sollte folgendes:

  • Die Einführung eines zusätzlichen VolleinspeiseTarifs für kleine Solaranlagen, eventuell differenziert nach Anlagengröße. Dieser Tarif könnte optional von Kunden anstelle des Eigenverbrauchsmodells gewählt werden. Im EEG ließe er sich schnell und einfach verankern. Damit würden wir die Chance eröffnen, Photovoltaik in die Städte zu holen und volle Dächer zu bekommen.
  • Eine Verringerung der Hürden für die Eigenversorgung mit Solarstrom, bei gleichzeitiger Vergütung des eingespeisten Stroms von Eigenversorgungsanlagen auf dem Niveau des Marktpreises,
  • die Einführung von Netzentgelten für größere Verbraucher und Prosumer, die den zeitlichen und lokalen Systemwert des von ihnen produzierten Solarstroms berücksichtigen und
  • die Entwicklung von Grundsätzen zur Berechnung von Solar und Systemwerten als Basis für die jeweiligen Tarifierungen und für ein Monitoring, welches einen Vergleich der verschiedenen Förderansätze erlaubt.

Insbesondere für den letzten Punkt empfehlen wir den Blick in die USA. Dort haben Bundesstaaten wie Kalifornien oder Hawaii in den vergangenen Jahren ihre Net-Metering-Ansätze für PV zu sogenannten Value-of-Solar-Tarifen weiterentwickelt. Davon kann Deutschland lernen, wie wir in dieser Analyse  gezeigt haben.

Alle Beiträge von Dr. Matthias Deutsch, Andreas Jahn

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