• 28.02.2017

Dezentralität wird zum dauerhaft prägenden Strukturmerkmal des Energiesystems – das hat Folgen für Energiepolitik und Energierecht

Agora Energiewende veröffentlicht grundlegende Analyse zur Dezentralitätsdebatte und formuliert Thesen zu einem Ordnungsrahmen für Dezentralität

Benjamin Lavendel - Fotolia.com

Dezentralität entwickelt sich mit der Energiewende zu einem dauerhaft prägenden Strukturmerkmal des Energiesystems. Schlüsseltechnologien der Energiewende (vor allem Wind, Solar, Batteriespeicher, Digitalisierung) sowie in der Gesellschaft verankerte politische, ökonomische und soziale Präferenzen für Eigenversorgung und Regionalität treiben das Strom- und Energiesystem in Richtung dezentralere Strukturen. Diese Entwicklung kann nicht mehr mit dem bisherigen Konzept einer ausschließlich zentralen Steuerung verbunden mit immer mehr Netzausbau beantwortet werden. Vielmehr benötigt das neue Strom- und Energiesystem einen eigenen Ordnungsrahmen für Dezentralität, der das derzeitige Chaos im Bereich der dezentralitätsbedingten Ausnahmen bei Entgelten, Steuern, Abgaben und Umlagen neu ordnet.

Das sind die Kernergebnisse einer aufwändigen Analyse, in deren Rahmen Experten aus dem Deutschland Team von Agora Energiewende mit Unterstützung weiterer hinzugezogener Fachleute versuchen, die oftmals hitzige öffentliche Debatte über Dezentralität in der Energiewende auf ein festeres Fundament zu stellen und Räume für informierte Debatten und konstruktive Lösungen zu öffnen.

Die beteiligten Autoren haben sich dazu zunächst auf ein gemeinsames Verständnis des schillernden Begriffs Dezentralität verständigt, um dann darauf aufbauend die sechs Aspekte des Themenfeldes en Detail genauer auszuleuchten, die die bisherige Dezentralitäts-Debatte prägen. Diese sind: Die Rolle der Eigenversorgung, die regionale Verteilung von Stromerzeugung und –verbrauch, die regionale Vermarktung von Ökostrom, regionale Smart Grids beziehungsweise Smart Markets, die Rolle kleiner Akteure mit Fokus auf „Bürgerenergie“ und schließlich die Rolle kommunaler Energien.

Alle Aspekte der Dezentralität begründen sich nicht aus sich selbst heraus, sondern werden in dem heute veröffentlichten Sammelband „Energiewende und Dezentralität“ unter jeweils vier Dimensionen analysiert: Der Dimension des Stromnetzes: Was bedeutet der jeweilige Dezentralitätsaspekt für das Stromnetz? Der ökonomischen Dimension: Wie ist der jeweilige Dezentralitätsaspekt wirtschaftlich zu bewerten, was bedeutet er für den Strommarkt? Die soziale Dimension: Was bedeutet der Dezentralitätsaspekt beispielsweise für die Akzeptanz der Energiewende? Und schließlich die politische Dimension: Welche, auch regional-politischen Faktoren spielen jeweils eine Rolle? Im Anschluss daran werden Chancen und Risiken der jeweiligen Entwicklungen abgewogen und erste Handlungsvorschläge unterbreitet.

Abschließend werden Thesen für einen Ordnungsrahmen der Dezentralität formuliert. Diese soll vor allem die aktuellen dezentralitätsbedingten Ausnahmen bei den Netzentgelten, bei Steuern, Abgaben und Umlagen überwinden, die vielfach willkürlich und kontraproduktiv im Sinne des Gesamtsystems wirkten. Stattdessen sollte das Stromsystem perspektivisch in eine klare Struktur aus drei Ebenen überführt werden, wobei die Ebenen durch die unterschiedliche Ausgestaltung der Abgaben und Umlagen geprägt wären: Eine untere Ebene, in der Strom lokal und ohne Rückgriff auf das öffentliche Netz erzeugt und verbraucht wird (Eigenverbrauch/Mieterstrom), eine mittlere Ebene innerhalb einer Stromregion und schließlich eine überregionale, auch transnationale Ebene für den überregionalen Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch. Neu an dem Konzept ist vor allem die Einführung von „Stromregionen“, in denen bei Netzengpässen ein regionaler Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch stattfindet und neue regionale Märkte entstehen sollen.

Die Analyse „Energiewende und Dezentralität – Zu den Grundlagen einer politisierten Debatte“ steht weiter unten zum kostenfreien Download zur Verfügung.