Wie hoch ist der Stromverbrauch in der Energiewende?

Zusammenfassung

Energiepolitische Zielszenarien 2050 – Rückwirkungen auf den Ausbaubedarf von Windenergie und Photovoltaik

Die energiepolitische Diskussion um Erneuerbare Energien konzentriert sich zurzeit fast ausschließlich auf die Ausbauziele im Stromsektor: Die Erneuerbare-Energien-Anteile am Stromverbrauch sollen von aktuell gut 27 Prozent auf 40 bis 45 Prozent im Jahr 2025, 55 bis 60 Prozent im Jahr 2035 und mindestens 80 Prozent im Jahr 2050 steigen. Dabei bleibt zumeist die Frage offen, wie viel Strom denn langfristig benötigt wird – gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Klimaschutzziele in den Sektoren Wärme und Verkehr nur dann erfüllt werden können, wenn dort verstärkt Strom aus Erneuerbaren Energien zum Einsatz kommt. Der Stromverbrauch im Jahr 2050 ist insofern grundlegend für die Planung des Ausbaupfads für die Erneuerbaren Energien. Die energiepolitischen Zielszenarien kommen aber zu grundverschiedenen Ergebnissen: Die Spannbreite des Bedarfs der zentralen Studien reicht von rund 450 bis hin zu 800 Terawattstunden elektrischer Jahresarbeit. Der Grund liegt in den unterschiedlichen Annahmen der modellierten Szenarien. Einen breiten, transparenten Diskurs über die Annahmen gibt es bislang noch nicht. Um die Grundlage für eine sachorientierte Diskussion zu legen, hat Agora Energiewende das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES damit beauftragt, vier sektorübergreifende Zielszenarien für das Jahr 2050 hinsichtlich des resultierenden Strombedarfs zu vergleichen und die Gründe für die Abweichungen herauszuarbeiten. Der Vergleich macht deutlich, wie entscheidend einige wenige Annahmen sind.


Kernergebnisse

  1. Energiewendeszenarien müssen alle Sektoren und Emissionen gemäß Kyoto-Protokoll umfassen.

    Denn der stärkste Treiber für abweichende Ergebnisse im Strombedarf sind unterschiedliche Interpretationen der Klimaschutzziele sowie unterschiedliche Abdeckungen der nichtenergetischen Emissionen. Für mehr Vergleichbarkeit sollten öffentliche Auftraggeber hier für mehr Klarheit bei zentralen Annahmen sorgen.

  2. Für robuste Ausbaupfade der Erneuerbaren Energien stellt die Annahme zur Verfügbarkeit von Biomasse eine wichtige Einflussgröße dar.

    Die Annahmen zu Biomasseimporten beeinflussen den Strombedarf erheblich; die Spannbreite liegt zwischen 0 und 200 Terawattstunden (Primärenergie) im Jahr 2050. Geht man davon aus, dass Biomasse aufgrund von Nutzungskonkurrenzen und steigender Bevölkerung weltweit ein knappes Gut sein wird, bedeutet dies einen entsprechend höheren Stromeinsatz im Verkehr.

  3. Ohne ambitionierte Effizienzsteigerungen insbesondere im Wärmesektor erhöht sich der Strombedarf deutlich.

    Die Annahme hoher Dämmstandards bei der Gebäudesanierung halbiert den Wärmebedarf der betreffenden Haushalte. Wird dieses Effizienzniveau nicht erreicht, könnte der Stromverbrauch 2050 um 100 Terawattstunden pro Jahr höher ausfallen. Aber auch bei Industrie und allgemeinem Verbrauch ist Effizienz entscheidend für die Stromverbrauchsannahmen.

  4. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss die wachsende Bedeutung von Strom berücksichtigen.

    Der Strombedarf wird 2050 höher liegen, als bislang vielfach angenommen, wenn das Klimaschutzziel nach Kyoto eingehalten, Biomasse für den Verkehr nur begrenzt verfügbar und die energetische Gebäudesanierung nicht vollständig realisiert wird. Ein Windkraft- und Photovoltaikausbau von 2,5 Gigawatt netto pro Jahr gemäß EEG 2014 reicht dann nicht aus.

Bibliografische Angaben

Autoren

Norman Gerhardt, Fabian Sandau

Publikationsnummer

086/19-S-2015/DE

Versionsnummer

1.1

Veröffentlichungsdatum

10/2015

Seitenzahl

52