zum Diskurs

Twitter-Feed

Der „EEG-Kosten-Berg“, sein Gipfel 2023, und wie man damit am besten umgeht

  • 20.07.2015 - 07.08.2015
  • Grundsatzfragen
  • Akzeptanz
  • Dr. Patrick Graichen
  • Prof. Dr. Uwe Leprich
  • PD Dr. Dietmar Lindenberger
© Agora Energiewende
Voraussichtliche Entwicklung der EEG-Umlage bis 2035

Vorwort

Die EEG-Umlage ist zum Symbol und Zankapfel der Erneuerbaren-Energien-Förderung geworden. Wir wagen deshalb jetzt mal den großen Blick nach vorn – auf die EEG-Umlage bis 2035. Dazu stellen wir unsere Studie "Die Entwicklung der EEG-Kosten bis 2035" vor und haben mit Prof. Dr. Uwe Leprich vom IZES und PD Dr. Dietmar Lindenberger vom EWI zwei prominente Kommentatoren gewinnen können.

Die Studie finden Sie hier und eigene Szenarien zur Entwicklung der EEG-Umlage bis 2035 können Sie mit unserem EEG-Rechner hier selbst erstellen.

 

Warum die Kosten des weiteren Ausbaus der Erneuerbaren Energien (k)ein Problem sind

von Patrick Graichen

In einer Welt, in der energiewirtschaftliche Prognosen häufig schon nach zwei, drei Jahren überholt sind, mag es leicht vermessen wirken, bis zum Jahr 2035 auf die Nachkommastelle genau anzugeben, wo dann die EEG-Umlage liegen wird. Deshalb zunächst eine Klarstellung: Mit der Studie „Die Entwicklung der EEG-Kosten bis 2035“ verfolgen wir nicht das Ziel, die Zukunft voraussagen zu können. Es kann und wird anders kommen, als in den Diagrammen und Tabellen dargestellt.

Was wir allerdings durchaus mit der Studie beabsichtigen – und mehr noch mit dem dazugehörigen Excel-Tool „EEG-Rechner“ – ist, einen Eindruck davon zu geben, wie eine Entwicklung der EEG-Kosten in dem derzeit eingeloggten System verlaufen kann und welche Stellschrauben es gibt, um die Kostenentwicklung mehr oder weniger wirksam zu beeinflussen. Rechner und Studie sollen damit nicht zuletzt der Politik helfen, die Auswirkungen möglicher Entscheidungen besser einschätzen zu können.

Wir haben deshalb nach bestem Wissen und Gewissen gemeinsam mit dem Öko Institut eine Referenzprognose für den EEG-Rechner erstellt – und viele Szenarien und Varianten durchgespielt. Hier die vier zentralen Punkte, die ich dabei gelernt habe:

  1. Zunächst die gute Nachricht: Das Ende der Kostensteigerungen ist in Sicht. Von 2023 an sinken die EEG-Kosten und auch die EEG-Umlage trotz weiter steigender Anteile Erneuerbarer Energien. Im Jahr 2035 liegen die EEG-Kosten und damit auch die EEG-Umlage deutlich unter dem heutigen Niveau, obwohl dann der Erneuerbare-Energien-Anteil mit etwa 60% mehr als doppelt so hoch sein wird wie heute. Der Grund ist schlicht: Ab 2023 fallen nach und nach die teuren Altanlagen aus Anfangsjahren des EEG aus der EEG-Vergütung.
  2. Jetzt die schlechte Nachricht: Bis dahin sind es noch acht lange Jahre, d.h. erst der Energieminister (oder die Energieministerin) der übernächsten Legislaturperiode wird diese Ernte einfahren können. Im Zeitraum bis 2023 wird die EEG-Umlage nochmals um 1 bis 2 Cent pro Kilowattstunde steigen, v.a. weil in den kommenden Jahren große Mengen aus den Offshore-Windparks neu ins System kommen, die in den ersten acht Jahren eine Anfangsvergütung von 19 Cent pro Kilowattstunde erhalten. Schon für 2017 sind 7 Cent EEG-Umlage pro Kilowattstunde zu erwarten.
  3. Anschließend die Vorsichts-Aussage: Diese Aussagen gelten für einen wahrscheinlichen Referenzfall (EE-Ausbau gemäß den Zielen des EEG, gleichbleibender Stromverbrauch, gleichbleibender Börsenstrompreis, gleichbleibende Eigenverbrauchs- und Industrieprivilegien). Es gibt natürlich Unwägbarkeiten und Risiken, die die EEG-Umlage weiter erhöhen können – etwa wenn die Eigenerzeugungsanlagen bei Industrie, Gewerbe und Privathaushalten massiv boomen, die Industrieprivilegien weiter ausgeweitet werden oder wenn der Stromverbrauch weiter sinkt.
  4. Und zuletzt wieder eine eher beruhigende Aussage: Die Summe aus Börsenstrompreis und EEG-Umlage, die ja (im Gegensatz zu der leider allzu oft stattfindenden Fixierung auf die EEG-Umlage) letztlich für die Stromkunden die relevante Größe ist, ist bemerkenswert konstant. Im Referenzfall steigt sie von heute knapp 10 Cent pro Kilowattstunde inflationsbereinigt um nur gut 1 Cent pro Kilowattstunde bis 2023 an. Selbst wenn man deutlich höhere Börsenstrompreise in der Zukunft annimmt, wird die Summe aus Strompreis und EEG-Umlage nur auf etwa 12 Cent pro Kilowattstunde (real) steigen. Hier zeigt sich sehr deutlich, dass Börsenstrompreis und EEG-Umlage kommunizierende Röhren sind, schließlich ist die EEG-Umlage ja definitorisch die Differenz zwischen Erneuerbare-Energien-Vergütungen und Börsenstrompreis.

Was bedeuten diese wahrscheinlichen Entwicklungen für die Politik?

Zunächst einmal gilt: Bange machen und Kopf-in-den-Sand-stecken gilt nicht. Insbesondere die Projektion der EEG-Umlagen-Entwicklung bis 2017/2018 ist relativ robust, denn bis dahin dürfte sich beim Börsenstrompreis und auch bei den anderen zentralen Faktoren nicht viel tun. Die Erneuerbaren-Ausbauziele inklusive der nun ins System kommenden zusätzlichen Wind-Offshore-Mengen sind nun mal so im Koalitionsvertrag und dem EEG 2014 von CDU/CSU und SPD beschlossen worden, und den Oppositionsparteien ging das noch nicht weit genug. Insofern gilt es, gerade auch im Wahlkampf 2017, eine EEG-Umlage von gut 7 Cent pro Kilowattstunde aktiv zu kommunizieren und zu erklären.

Hier ein kleiner Tipp: Ein großer Teil dieser EEG-Kosten sind historische Kosten für das „Herunterkaufen“ der Lernkurve der Solarenergie, die nicht nochmal anfallen werden – und die vermutlich die beste Entwicklungshilfe waren, die Deutschland je geleistet hat. Denn jetzt ist Photovoltaik billig und sorgt weltweit, gerade auch in Entwicklungsländern, für günstige und saubere Energie. Mobisol, ein Berliner Start-Up das Solaranlagen in Afrika vertreibt, ist ein gutes Beispiel für diesen Trend.

Spätestens in der nächsten Legislaturperiode stellt sich aber schon die Frage, ob man das EEG-Umlagensystem nicht grundlegend reformieren muss. Damit meine ich nicht die zum Teil vorgeschlagene physikalische Wälzung des EEG-Stroms – denn dies würde nur Abrechnungsmodalitäten verändern, hätte aber keinerlei EEG-Kosten senkenden Effekt. Vielmehr geht es um die Frage, ob man die EEG-Kosten weiterhin auf vom Netz bezogenen Strom beaufschlagen kann. Denn angesichts kontinuierlich fallender Preise für Photovoltaik- und Speicheranlagen werden immer mehr Industrie- und Gewerbebetriebe und Haushalte in Eigenverbrauchslösungen investieren. Gerade wenn die Zinsen für Kapitalanlagen weiterhin so niedrig sind, ist eine Investition in die eigene Stromversorgung vielerorts ein gutes Geschäft – und das ist ja auch gut so. Nur verliert damit das EEG-Umlagesystem zusehends seine Basis, es droht ein sich selbst verstärkender Effekt aus steigender Umlage und steigendem Eigenverbrauch.

Insofern stellt sich die Frage, ob nicht doch ganz neue Lösungen wie der vom IASS-Chef und Agora-Ratsvorsitzenden Klaus Töpfer vorgeschlagene Altschulden- und Innovationsfonds, eine Steuerfinanzierung der Forschungs-& Entwicklungsausgaben des EEG und/oder andere Konzepte wie eine dynamisch an den Börsenstrompreis indexierte EEG-Umlage in Betracht kommen müssen. Jedenfalls ist die Zeit gekommen, grundsätzlich über unser bestehendes System der Abgaben und Umlagen nachzudenken (das gilt insbesondere auch für Netzentgelte, Konzessionsabgabe und KWK-Umlage), denn diese stehen alle vor der gleichen Herausforderung wie der EEG-Umlagemechanismus.

Abschließend für alle Freunde und Gegner der Erneuerbaren zwei Zahlen: Was passiert, wenn jetzt viel oder wenig Wind Onshore- und Solaranlagen zugebaut werden – die beiden Technologien mit der größten Dynamik? Nehmen wir zwei Extreme: Wenn ab jetzt jedes Jahr je 4,5 Gigawatt Wind Onshore und PV zugebaut würden, landet man im Jahr 2020 bei einer EEG-Umlage von 7,9 Cent. Würden ab jetzt keinerlei Wind Onshore und PV-Anlagen mehr zugebaut, wären es immer noch 6,8 Cent. Die Kostenvarianz zwischen viel und wenig EE-Zubau ist insofern deutlich geringer als die Lautstärke des darüber ausgetragenen Streits.

Diskussion

Kommentar

- Autor:
Guenter Unseld

Ich habe mir das Thema angesehen - hier meine Meinung dazu : Blicken wir zuerst zurück auf die ursprünglichen Ziele der Stromversorgung, so wie sie einmal von der Bundesregierung etabliert wurden : Diese waren : Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Bezahlbarkeit Ob sich unsere Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit gegenüber früher verbessert hat, das wäre einen gesonderten Diskurs wert. Das Problem sehe ich heute bei der Bezahlbarkeit bis zum Jahr 2035. Diese EEG Umlage ist aber nur ein Teil der Gesamtkosten, die wir für die Energiewende schultern müssen. Tatsache ist zunächst, dass die Stromkosten in unserem Nachbarland Frankreich nur etwas mehr als die Hälfte von unseren Kosten betragen. Da viele dort mit Elektroheizungen im Winter heizen, könnten die sich das mit deutschen Strompreisen gar nicht mehr leisten. Ob das nach unserem Verständnis sinnvoll ist, lasse ich einmal dahin gestellt.. Warum ist das hier so ? Nun - im Jahr 2014 wurden an die Ökostromerzeuger fast 24 Milliarden Euro ausgezahlt. Abzüglich der Erlöse an der Strombörse verblieben immer noch 22,9 Mrd. Euro, die von uns allen über die Stromrechnung bezahlt wurden. Zunächst zur EEG Umlage : Ihre Berechnungen zeigen, dass die EEG Umlage ab 2023 zurück geht. Meine Frage dazu ist , warum sollte sie zurück gehen ? Bis konkrete Änderungen am EEG Gesetz vorliegen, muss ich davon ausgehen, dass die heutigen Zahlen so weiter geführt werden. Die jährlichen Ausbauziele für Wind, PV und Biomasse müssen so weiter gehen, damit das 80% Ziel der Erneuerbaren bis 2050 erreicht wird. Die Einspeisevergütungen für Wind, Biomasse, und v.a. Wind offshore mit den besonders hohen Einspeisevergütungen müssen ebenfalls weitergehen, damit sich die Geschäftsmodelle der Betreiber rechnen. Ihre Annahme, dass der Börsenstrompreis wieder nach oben geht, ist für mich zweifelhaft, weil durch den Ausbau der subventionierten Erneuerbaren immer mehr Strom eingespeist wird, der nach dem EEG Gesetz abgenommen werden muss - egal, ob benötigt oder nicht (ein kleiner Anfang wurde jetzt bei der KWK Förderung gemacht, wo die Förderung bei negativem Strompreis wenigstens eingestellt werden soll). Bei PV wird zwar die heute noch hohe Durchschnittsvergütung zurückgehen, verbleibt aber dann bei den niedrigeren Einspeisevergütung von heute. Auch Auktionen werden da nicht viel ändern. Von den EEG Zahlen jetzt zu den zusätzlichen Kosten der Energiewende : Da sind zunächst die Netzkosten durch den notwendig gewordenen Ausbau der Hochspannungstrassen und der Verteilnetze. Diese Kosten müssten eigentlich zu den Kosten des Windstroms hinzu gerechnet werden. Das einzig Sichere, das man heute weiß, ist, dass das zweistellige Milliarden Kosten sein werden, die in den Netzkosten Anteil der Stromkosten eingehen werden. Da jetzt beschlossen wurde, so viel wie möglich von den Hochspannungstrassen im Erdreich zu verlegen, werden diese Kosten noch einen Ruck nach oben gehen. Details dazu sind bis heute offen, da hierfür neue Planungsunterlagen erstellt werden müssen.. Dazu kommen die Kosten für die Verteilnetze, die erst in Ansätzen definiert sind.. Andere indirekte Kosten fallen beim Re-dispatching an, wenn Netz Engpässe umgangen werden müssen. Minister Gabriel bezifferte die Kosten dafür im Jahr 2014 bereits auf eine Milliarde Euro. Mit dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren können diese Kosten nur nach oben gehen, vor allem dann, wenn der Netzausbau hinterher hinkt. Etwas, was immer noch 'im Diskurs' ist, wie werden die im stand-by stehenden fossilen back-up Kraftwerke bezahlt, die dann eingreifen, wenn kein Wind weht (in Deutschland jeden Monat der Fall ). Auch diese Kosten gehen dann in die Stromrechnung ein. Andere Kosten, die vermehrt anfallen werden, ist der überflüssige Ökostrom, der bei Starkwind erzeugt wird, nach dem EEG Gesetz abgenommen werden muss, dann aber mangels Nachfrage 'entsorgt' werden muss. Es gibt zwar angedachte Speichermöglichkeiten (Strom zu Gas ), aber deren Wirkungsgrad ist heute noch so, dass sich das nur lohnen würde, wenn der Windstrom kostenlos ist. Leider steht aber hinter jeder erzeugten Windstrom kwh die Einspeisevergütung von 9,5 ct (onshore) oder 19,5 ct (offshore). Was mich erstaunt, ist, dass das Speicherproblem für den je nach Windlage und Sonnenstand zufällig erzeugten Strom bei dem Ausbau der Erneuerbaren offensichtlich 'vergessen' wurde. Dementsprechend gibt es meines Wissens bis heute keine realistische Abschätzung der ökonomisch vertretbaren Kosten für die Speicher Problematik. Das alles wird irgendwann in den Stromkosten landen. So viel zur Bezahlbarkeit : Mit anderen Worten - die EEG Umlage ist nur ein Teil der Gesamtkosten, die durch die Energiewende auf uns zu kommen. Ich denke, diese Kostenprobleme sind leider fast total vernachlässigt worden. Günter Unseld

Kommentar

- Autor:
Hermann Hoffmann

Warum diese Entwicklung einfach so hinnehmen? Das EEG wurde ursprünglich von Anfang an so ausgestaltet dass die Vergütungen jährlich sinken. Nur bei Offshore Windkraft ist und war das nie der Fall - im Gegenteil! Eine Rolle spielen sollte auch die zweite Vergütungsphase bei Offshore, denn alleine die Wartung kostet je kwh 3-4 Ct. Wie realistisch ist es denn überhaupt dass diese Anlagen weiterbetrieben werden zu den vereinbarten niedrigeren Vergütung? Auch die Versteigerungen bei PV zeigen dass es zu Kostensteigerungen je kwh kommen wird, sicher auch bei Landwind. In der Studie ist zu viel Spekulation. Grundsätzlich muss man wieder zurück zum EEG von 2000-2003 als es wenig Ausnahmen gab und die Zielkorridore müssen für das grosse Ziel 100% EE auf jeweils 10 GW Zubau bei Landwind und PV gesteigert werden.

Replik

- Autor:
PD Dr. Dietmar Lindenberger

Die deutsche Debatte um die Förderung der erneuerbaren Energien krankt immer wieder an derselben Stelle. Sie kreist zu sehr um sich selbst und verschließt die Augen vor der Tatsache, dass der deutsche Strommarkt im Herzen Europas liegt und damit Dreh- und Angelpunkt im europäischen Strombinnenmarkt ist. Jede deutsche Energiepolitik hat marktgetrieben erhebliche Auswirkungen auf unsere Nachbarländer. Dies gilt auch und vor allem für die deutsche EE-Förderung. Eine Diskussion um das EEG und seine Kosten kann somit nicht an deutschen Grenzen halt machen.

Wir sollten nicht vergessen, dass der deutsche Strommarkt schon heute nur noch eine Fiktion ist, weitgehend abgelöst durch die Central Western Market (CWE) Region, der die Strommärkte von Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden angehören, und der sich im Zuge der Vollendung des Strombinnenmarkts weitere Regionen anschließen werden. In einem Großteil der Stunden des Jahres besteht in CWE ein Strompreis, somit besteht ein internationaler Marktplatz. Dieser grenzüberschreitende Marktplatz trägt bereits heute dazu bei, dass länderübergreifend Erzeugungskapazitäten besser ausgelastet werden, erneuerbare Energien besser ins europäische Stromsystem integriert und Strom insgesamt kostengünstiger erzeugt werden kann. Die europäische Dimension wird somit immer wichtiger, auch und gerade angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels durch den Ausbau erneuerbarer Energien.

In diesem Kontext kommt das Referenzszenario der Agora-Studie zu dem Ergebnis, dass die deutsche EEG-Umlage noch bis 2023 ansteigen, dann zurückgehen würde und dass bei einem EE-Anteil von 60% im Jahr 2035 Strom nicht teurer sein würde als heute. Was die Größenordnung der Effekte betrifft, kommt die Energiereferenzprognose, die das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) mit Prognos und GWS für das BMWi (2014) erstellt hat, durchaus zu ähnlichen Ergebnissen. Dieser gewisse Optimismus bezüglich der erwarteten Entwicklung der EEG-Umlage sollte allerdings nicht von den grundsätzlicheren und dringlichen Fragen im Zusammenhang mit der deutschen Erneuerbaren-Förderung ablenken.

Während die “konventionellen“ Strommärkte in Europa durch grenzüberschreitende Marktplätze wie CWE bereits zusammenwachsen – was auf der Übertragungs­netzebene auch durch den Ten-Year-Network-Development-Plan (TYNDP) unterstützt und koordiniert wird –, hinkt die europäische Koordination des Ausbaus der Erneuerbaren dem noch weit hinterher. Eine solche Koordination ist aber dringend nötig, um bestehende Unausgewogenheiten nicht weiter zu verstärken. Die ohnehin bestehende Situation von Überkapazitäten im deutschen und europäischen Erzeugungssytem wird durch einen weiter forcierten EE-Ausbau verschärft, der Börsenstrompreis weiter gedämpft (Merit-Order-Effekt); dadurch werden bestehende Kraftwerkskapazitäten noch stärker entwertet als dies ohnehin schon der Fall ist, was volkswirtschaftlich fortgesetzte Kapitalvernichtung bedeutet. (An den Börsen­notierungen von Energieversorgern lassen sich die bisherigen Kapitalvernichtungen unschwer ablesen.) Daher wäre eine Drosselung des Tempos im deutschen Erneuerbaren-Ausbau wirtschaftlich vernünftig. In Zeiten mit Netzengpässen, z.B. bei Stark-Wind und Schwach-Last, wenn regionaler „Überschuss-Strom“ weder verbraucht, noch gespeichert oder abtransportiert werden kann, führt ein weiter forcierter EE-Ausbaus dazu, dass die Kapitalvernichtung vor allem in Deutschland stattfindet, während in Zeiten ohne Netzengpässe infolge der EE-Einspeisung ausländische Stromverbraucher von verringerten Strompreisen profitieren, ohne an der Finanzierung der Erneuerbaren beteiligt zu sein. Mit Blick auf solche ungesteuerten Verteilungseffekte, aber auch hinsichtlich europäischer Koordination und Nutzung vorteilhafter Standorte für erneuerbare Energien ist eine wichtige Frage wie sich Mechanismen zur EE-Förderung internationalisieren lassen. Ein sinnvoller Schritt könnte die Entwicklung eines „Nordsee-Clusters“ sein, innerhalb dessen gemeinsame europäische Projekte der Offshore Windenergieerzeugung und zugehörigen Netzinfrastruktur-Errichtung koordiniert und realisiert werden. Die Kosten dieser Projekte könnten den nationalen EE-Ausbauzielen entsprechend auf die Stromverbraucher der jeweiligen Länder umgelegt werden, d.h. sie könnten für Deutschland in eine europäische Komponente einer weiter entwickelten EEG-Umlage einfließen. Längerfristig könnte dies in einer binnenmarktkompatiblen EU-weiten Förderung erneuerbarer Energien münden.

Der aktuell diskutierte Vorschlag zur Weiterentwicklung der EEG-Umlage in Richtung einer dynamisch an den Strombörsenpreis indexierten Umlage weist dagegen in eine falsche Richtung, weil dadurch die tatsächlichen Knappheiten am Strommarkt den Endverbrauchern verzerrt signalisiert würden. Das wäre volkswirtschaftlich ineffizient, würde einem fairen Wettbewerb zwischen angebots- und nachfrageseitigen Maßnahmen zur Flexibilisierung des Energiesystems entgegenstehen und sinnvolle Entwicklungen in Richtung Echtzeitpreise für Endverbraucher behindern. Eine Steuerfinanzierung insbesondere der Altlasten des EEG wäre dagegen sinnvoll, da Verzerrungen der Strompreise reduziert würden. Freilich würde dies öffentliche Haushalte belasten, aber es wäre systematisch die richtige Lösung, ganz analog zur einstigen Abschaffung des Kohlepfennigs.

Replik

- Autor:
Prof. Dr. Uwe Leprich

Die Diskussion über die Kosten der Energiewende krankt seit langem daran, dass meistens Äpfel mit Birnen verglichen werden und zudem die Nutzendimension völlig ausgeklammert wird. Die vorliegende Studie trägt nicht dazu bei, diese aus wissenschaftlicher Sicht arg verkümmerte Diskussion zu befruchten.

Auch wenn es nicht Auftrag der Studie gewesen sein mag, den Kosten des EEG die vielfältigen Nutzenbeiträge des Ausbaus der Erneuerbaren Energien gegenüber zu stellen, wäre doch ein entsprechender Hinweis auf die Unvollständigkeit einer reinen Kostenbetrachtung angebracht gewesen, zumal es hierzu bereits einschlägige Untersuchungen gibt.

Will man zumindest auf der Kostenseite Äpfel mit Äpfeln vergleichen, geht das völlig unstrittig nur über die Ermittlung der systemanalytischen Differenzkosten zwischen einem Energie-/Stromsystem ohne Erneuerbare Energien und einem, das die politisch gesetzten Ausbauziele erfüllt. Hier zeigen viele Untersuchungen (u.a. auch der Agora), dass diese Differenz in der Perspektive nach 2030 negativ wird, d.h. auf mittlere Sicht ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien volkswirtschaftlich gesehen kostengünstiger als eine Fortschreibung des fossil-nuklearen Energiesystems.

An dieser Stelle könnte der Volkswirt seine Argumentation beenden und der Politik raten, den eingeschlagenen Ausbaupfad konsequent weiter zu beschreiten, zumal die jetzige Niedrigzinsphase eine überaus kostengünstige Finanzierung der kapitalintensiven EEG-Anlagen erlaubt. Nun hat die Politik häufig nicht die Möglichkeit, kurzfristig unpopuläre Entwicklungen mit dem Hinweis auf ihre längerfristige Sinnhaftigkeit aus der Schusslinie zu nehmen, und so werden auch Wissenschaftler dazu getrieben, den Birnenvergleich zu akzeptieren, um im Bilde zu bleiben.

Der naheliegende Birnenvergleich wäre ein Vergleich der spezifischen Vollkosten der unterschiedlichen Erzeugungstechnologien, und auch dabei würden die Erneuerbaren – und hier insbesondere Wind Onshore und PV – sehr gut abschneiden, wie u.a. in einer Agora-Studie unlängst aufgezeigt wurde. Während heute beide Technologien den Strom schon kostengünstiger erzeugen als neue Atomkraftwerke, gilt dies zum Teil auch im Vergleich zu neuen Kohlekraftwerken, jedenfalls aber in der mittleren Perspektive.

Die vorliegende Studie jedoch konzentriert sich von vorneherein auf die EEG-Umlage, die nach eigener Aussage „kein geeigneter Indikator für die Kosten des Ausbaus Erneuerbarer Energien“ ist, insofern nicht einmal als „Birne“ taugt. Dass diese Umlage mit steigendem Börsenpreis, sinkenden Vergütungen und beim Abbau der Industrieprivilegierung sinkt, wusste man auch vorher schon, und dass die Summe von EEG-Umlage und Börsenpreis die Endverbraucher auch bis 2035 nicht in den Ruin treibt, hat man ebenfalls geahnt. Diese Summe macht ungefähr ein Drittel des Strompreises der Haushaltskunden aus, die im Durchschnitt gerade einmal 2,5% ihres Gesamtbudgets für Strom aufwenden.

Wenn die Politik die Konstanz von Strompreisen als Voraussetzung für die weitere Umsetzung der Energiewende betrachtet, mag die Studie ein wenig Schützenhilfe leisten, wenn man jedoch in der Gesamtdiskussion über die Sinnhaftigkeit der Energiewende in Deutschland wieder in die Offensive kommen will, springt sie deutlich zu kurz.

Lorem ipsum dolor sit amet


Twitter-Feed

Agora Diskurs ist unsere Online-Diskussions-Plattform. Wir werden hier in regelmäßigen Abständen Studien, Thesen und weiteres zur Diskussion stellen. Um einen kompakten Verlauf zu sichern, wird die Laufzeit dieser Online-Veranstaltung von vornherein begrenzt. Gleichermaßen kündigen wir Agora Diskurs rechtzeitig an.

Zum Teil bitten wir eigens Experten um Impulsbeiträge oder Kommentare, gleichermaßen sind Sie jedoch eingeladen, sich an den Diskussionen zu beteiligen. Hierzu ist es erforderlich, dass Sie sich als Nutzer unserer Webseite registrieren und mit Ihrem Nutzernamen und Ihrem Passwort einloggen

Sie können Ihren Kommentar auch in anonymisierter Form abgeben  –  wir erhoffen uns davon fundierte Beiträge von Fachleuten, die etwa aufgrund ihres Dienstverhältnisses nicht unter ihrem Namen schreiben können. 

Grundsätzlich behalten wir uns vor, unangemessene Beiträge zu löschen und deren Verfasser vom Agora Diskurs auszuschließen.